Verhaltensaktivierung bei depressiver Verstimmung
Mehrere unabhängige Übersichtsarbeiten oder Meta-Analysen zeigen einen Effekt in dieselbe Richtung.
Was die Studienlage zeigt
Eine Meta-Analyse schloss 34 Studien mit 2.055 Teilnehmenden ein. In den 16 Studien mit 453 Teilnehmenden, die Verhaltensaktivierung gegen eine Kontrollbedingung stellten, lag der Effekt bei 0,87. Gegenüber kognitiver Therapie zeigte sich in 15 Studien mit 536 Teilnehmenden kein statistisch nachweisbarer Unterschied. Eine neuere Netzwerk-Meta-Analyse mit 45 Studien und 3.382 Teilnehmenden geht in dieselbe Richtung. Verhaltensaktivierung allein wirkte gegen Regelversorgung mit SMD 0,52 und gegen Wartelisten mit 1,15, und zwischen kognitiver Umstrukturierung, Verhaltensaktivierung und der Kombination aus beidem fand sich ebenfalls kein nachweisbarer Unterschied, bei gleicher Verträglichkeit. Eine dritte Arbeit, eine Komponenten-Netzwerk-Meta-Analyse über 76 randomisierte Studien, davon 48 mit Individualdaten von 11.704 Personen, fand Hinweise darauf, dass Verhaltensaktivierung auch als einzelner Bestandteil internetbasierter Programme etwas beiträgt.
Und was sie einschränkt
Verhaltensaktivierung ist ein psychotherapeutisches Verfahren. In Selbsthilfeform ist sie eine abgeleitete Anwendung, und die Studien untersuchten überwiegend begleitete Settings. Dass sich zur kognitiven Therapie kein Unterschied zeigte, heißt nicht, dass beide gleich wirken. Die Autor:innen der Netzwerk-Meta-Analyse schreiben selbst, es gebe keinen Beleg für einen Unterschied, und fordern weitere Forschung. Bei der älteren Meta-Analyse kommt ein Publikationsbias hinzu, rechnerisch fehlen vier Studien. Ihr Effekt hielt nach ein bis drei Monaten nur im weniger konservativen Rechenmodell und war nach sieben bis zwölf Monaten nicht mehr nachweisbar.
Worauf es dabei ankommt
Der Mechanismus ist Aktivierung nach Plan, nicht nach Stimmung. Genau das ist die Umkehrung des depressiven Musters, in dem Tätigkeit erst der Motivation folgen soll. Der Punkt ist nicht mehr tun, sondern gezielt das tun, was früher etwas gegeben hat. Für Selbsthilfe ist das besonders interessant, weil Verhaltensaktivierung der einfachere der beiden Wirkkerne ist. Sie verlangt kein Training in kognitiver Umstrukturierung.
Für wen eher nicht
Wer bereits am Rand der Erschöpfung funktioniert, braucht zuerst Entlastung, nicht mehr Aktivität. Verhaltensaktivierung ist kein Leistungsprogramm, und als solches missverstanden wird sie zur zusätzlichen Anforderung.
Was es nicht ersetzt
Verhaltensaktivierung ist ein psychotherapeutisches Verfahren. In Selbsthilfeform ist sie eine abgeleitete Anwendung und ersetzt keine Psychotherapie.
Quellen
Jede Quelle wurde vor der Veröffentlichung von einem Psychologen geprüft.
- 1. Mazzucchelli T. et al. (2009). Behavioral activation treatments for depression in adults: a meta-analysis and review. Clinical Psychology Science and PracticeMeta-Analyse · 34 Studien, 2.055 Teilnehmende
- 2. Ciharova M. et al. (2021). Cognitive restructuring, behavioral activation and cognitive-behavioral therapy in the treatment of adult depression: a network meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical PsychologyNetzwerk-Meta-Analyse · 45 Studien, 3.382 Teilnehmende
- 3. Furukawa T. et al. (2021). Dismantling, optimising, and personalising internet cognitive behavioural therapy for depression: a systematic review and component network meta-analysis using individual participant data. Lancet PsychiatryNetzwerk-Meta-Analyse · 76 randomisierte Studien, davon 48 mit Individualdaten (11.704 Personen)
Selbsthilfe ersetzt keine Behandlung und keine Diagnose. Was hier steht, ist keine Empfehlung für deinen Fall, sondern eine Zusammenfassung von Forschung.
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