Was bringt Verhaltensaktivierung bei Depression?
Was die Studien zu Aktivität nach Plan zeigen
Mehrere unabhängige Übersichtsarbeiten oder Meta-Analysen zeigen einen Effekt in dieselbe Richtung.
Verhaltensaktivierung heißt, sich Tätigkeiten nach Plan vorzunehmen, statt zu warten, bis die Stimmung danach ist. In Studien mit Erwachsenen mit Depression besserten sich die Beschwerden damit deutlicher als bei üblicher Versorgung oder auf einer Warteliste, und eine Auswertung von 45 Studien mit 3.382 Menschen fand keinen nachweisbaren Unterschied zur umfassenderen kognitiven Verhaltenstherapie. Die meisten Zahlen stammen aus Sitzungen mit Fachleuten, für reine Selbsthilfe gibt es nur Hinweise aus Internetprogrammen.
Was zeigt die Forschung?
Eine Auswertung von 34 Studien aus dem Jahr 2009 hat Verhaltensaktivierung bei Erwachsenen mit Depression oder deutlich gedrückter Stimmung untersucht. In 16 Studien mit 453 Menschen wurde sie mit einer Warteliste oder einer Gruppe ohne Behandlung verglichen, und die Beschwerden besserten sich mit Verhaltensaktivierung deutlich stärker. Gegenüber kognitiver Therapie zeigte sich in 15 Studien mit 536 Menschen kein nachweisbarer Unterschied. Eine Auswertung von 45 Studien mit 3.382 Menschen aus dem Jahr 2021 kommt zu einem ähnlichen Bild. Verhaltensaktivierung in Einzelsitzungen wirkte besser als die übliche Versorgung und deutlich besser als eine Warteliste. Zur kognitiven Verhaltenstherapie fand sich kein nachweisbarer Unterschied, ebenso wenig zur kognitiven Umstrukturierung, bei der man belastende Gedanken prüft. Eine dritte Auswertung aus demselben Jahr hat 76 Studien zu Internetprogrammen gegen Depression in ihre Bausteine zerlegt. Programme mit Verhaltensaktivierung schnitten etwas besser ab als solche ohne. Die Autor:innen sprechen von Hinweisen, nicht von einem gesicherten Befund.
Die Zahlen dazu
Mazzucchelli, Kane und Rees 2009, Meta-Analyse über 34 randomisierte Studien mit 2.055 Teilnehmenden, Erwachsene mit depressiver Störung oder erhöhten depressiven Beschwerden. Gegen Kontrollbedingungen (Warteliste oder keine Behandlung) nach Behandlungsende g = 0,87 (16 Studien, n = 453, 95 % Konfidenzintervall 0,60 bis 1,14, I² = 43 %, Modell mit zufälligen Effekten), so wiedergegeben in der Kurzbewertung der Datenbank DARE. Das Abstract der Arbeit nennt für denselben Vergleich 0,78 ohne Studienzahl und für Teilnehmende mit Major Depression 0,74. Gegen kognitive Therapie oder kognitive Verhaltenstherapie kein statistisch signifikanter Unterschied (15 Studien, n = 536). Ciharova und Kolleg:innen 2021, Netzwerk-Meta-Analyse über 45 randomisierte Studien mit 3.382 Teilnehmenden, nur Behandlung im Einzelkontakt von Angesicht zu Angesicht. Verhaltensaktivierung gegen übliche Versorgung SMD 0,52 (95 % Konfidenzintervall 0,34 bis 0,71), gegen Warteliste SMD 1,15 (0,90 bis 1,40). Zum Vergleich kognitive Umstrukturierung 0,57 und 1,20, kognitive Verhaltenstherapie 0,44 und 1,07. Kein Beleg für einen Unterschied zwischen den drei Verfahren. Die Studienzahl je Vergleich nennt das Abstract nicht. Furukawa und Kolleg:innen 2021, Komponenten-Netzwerk-Meta-Analyse über 76 randomisierte Studien zu internetbasierter kognitiver Verhaltenstherapie, 48 davon mit Individualdaten von 11.704 Personen, 28 mit zusammengefassten Daten von 6.474 Personen. Baustein Verhaltensaktivierung minus 1,83 Punkte im Fragebogen PHQ-9 (95 % Glaubwürdigkeitsintervall minus 2,90 bis minus 0,80), nach Umrechnung der Autor:innen etwa SMD minus 0,31. Wortlaut der Arbeit "suggestive evidence".
Wo ist der Haken?
Verhaltensaktivierung ist ein psychotherapeutisches Verfahren. Untersucht wurde sie überwiegend in Sitzungen mit Fachleuten, in der Auswertung von 2021 ausschließlich im Einzelkontakt. Als Selbsthilfe ist sie eine abgeleitete Anwendung, dazu gibt es nur Hinweise aus Internetprogrammen. Ob Verhaltensaktivierung und kognitive Therapie gleich gut wirken, ist damit offen. Die Autor:innen von 2021 schreiben nur, sie hätten keinen Beleg für einen Unterschied gefunden. Auch bei der Verträglichkeit fanden sie keinen Unterschied, was ebenfalls keine Gleichheit belegt. Der Nutzen ist nur kurzfristig belegt. In der Auswertung von 2009 hielt der Vorsprung gegenüber Warteliste und keiner Behandlung nach ein bis drei Monaten nur in der weniger strengen Rechnung, nach sieben bis zwölf Monaten war er nicht mehr nachweisbar, allerdings in nur 2 Studien. Dazu kommen Hinweise, dass unveröffentlichte Studien fehlen. Eine unabhängige Prüfstelle rät deshalb, die Ergebnisse dieser Auswertung vorsichtig zu lesen.
Die Zahlen dazu
Mazzucchelli 2009 laut DARE. Hinweise auf Publikationsbias im Vergleich gegen Kontrollen, die Trim-and-Fill-Methode schätzt 4 fehlende Studien. Nach ein bis drei Monaten signifikant nur im Modell mit festen Effekten, nicht mit zufälligen Effekten (5 Studien, I² = 77 %), nach sieben bis zwölf Monaten nicht signifikant (2 Studien, I² = 73 %). Gegen kognitive Therapie blieb der Unterschied zwischen einem und 24 Monaten nicht signifikant. Die Prüfstelle (Centre for Reviews and Dissemination, York) bemängelt, dass Randomisierung, verdeckte Zuteilung und Verblindung nicht bewertet wurden, und schreibt, der Nutzen sei nur kurzfristig. Ciharova 2021, Verträglichkeit gegen übliche Versorgung als Risikoverhältnis, Verhaltensaktivierung 0,84 (95 % Konfidenzintervall 0,63 bis 1,11). Die Forderung nach weiterer Forschung bezieht sich ausdrücklich auf die kognitive Umstrukturierung. Furukawa 2021, Verzerrungsrisiko bei der Messung der Ergebnisse überwiegend hoch, mäßige bis hohe Heterogenität. Die Autor:innen schreiben, die Befunde gelten für Internetprogramme und lassen sich nicht ohne Weiteres auf Therapie im persönlichen Kontakt übertragen.
Wie gehe ich vor?
Der Kern ist, Tätigkeiten nach Plan anzugehen und nicht nach Stimmung. In einer depressiven Phase wartet man oft, bis die Lust zurückkommt. Verhaltensaktivierung dreht diese Reihenfolge um. Es geht nicht darum, mehr zu tun, sondern gezielt das, was dir früher gutgetan hat. Für Selbsthilfe ist das interessant, weil es ohne Training im Umgang mit belastenden Gedanken auskommt. Die Auswertung zu Internetprogrammen vermutet, dass sich Verhaltensaktivierung dort leichter lernen lässt als das Prüfen von Gedanken, und dass ihr Vorsprung zum Teil daher kommt.
Die Zahlen dazu
Furukawa 2021, Baustein kognitive Umstrukturierung plus 0,30 Punkte im PHQ-9 (95 % Glaubwürdigkeitsintervall minus 0,87 bis 1,41), ohne nachweisbaren Beitrag. Die Autor:innen halten es für möglich, dass der Unterschied zur Verhaltensaktivierung an der Lernbarkeit im Internetprogramm liegt und nicht an der Wirkung des Bausteins an sich. Mazzucchelli 2009 laut DARE, Behandlungsdauer eine bis 20 Wochen, eine bis 24 Sitzungen von 20 bis 120 Minuten.
Für wen ist das eher nichts?
Wenn du schon am Rand der Erschöpfung funktionierst, steht Entlastung an erster Stelle. Verhaltensaktivierung ist kein Leistungsprogramm. Als Liste weiterer Pflichten missverstanden, wird sie zur zusätzlichen Last. Untersucht wurden nur Erwachsene. Die Auswertung zu Internetprogrammen schloss außerdem Menschen mit bipolarer Störung und Menschen, die in einer Klinik aufgenommen waren, aus. Für diese Gruppen liefern die Zahlen keine Aussage.
Wann hole ich mir Unterstützung?
Verhaltensaktivierung als Selbsthilfe ersetzt weder eine Psychotherapie noch eine ärztlich verordnete Medikation. In den Studien wurde sie überwiegend von Fachleuten angeleitet. Wenn du über Wochen nicht aus dem Tief herausfindest oder dir schon kleine Schritte nicht gelingen, lohnt sich ein Gespräch mit einer Psychologin oder einem Psychologen oder in der Hausarztpraxis. Auf der Themenseite Depressive Verstimmung findest du weitere Wege, deren Wirkung bei gedrückter Stimmung selbst untersucht wurde.
Quellen
Jede Quelle wurde vor der Veröffentlichung von einem Psychologen geprüft.
- 1. Mazzucchelli T. et al. (2009). Behavioral activation treatments for depression in adults: a meta-analysis and review. Clinical Psychology Science and PracticeMeta-Analyse · 34 Studien, 2.055 Teilnehmende
- 2. Ciharova M. et al. (2021). Cognitive restructuring, behavioral activation and cognitive-behavioral therapy in the treatment of adult depression: a network meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical PsychologyNetzwerk-Meta-Analyse · 45 Studien, 3.382 Teilnehmende
- 3. Furukawa T. et al. (2021). Dismantling, optimising, and personalising internet cognitive behavioural therapy for depression: a systematic review and component network meta-analysis using individual participant data. Lancet PsychiatryNetzwerk-Meta-Analyse · 76 randomisierte Studien, davon 48 mit Individualdaten (11.704 Personen)
Selbsthilfe ersetzt keine Behandlung und keine Diagnose. Was hier steht, ist keine Empfehlung für deinen Fall, sondern eine Zusammenfassung von Forschung.
Wenn es akut ist: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei. In Lebensgefahr die 112.
