Alkohol gegen Angst
Wirkt besser als nichts, aber nicht besser als andere Maßnahmen. Als Hauptmaßnahme die schwächere Wahl.
Was die Studienlage zeigt
Eine Übersichtsarbeit fasst den Forschungsstand aus drei Disziplinen zusammen. Wer eine Angst- oder eine Alkoholdiagnose hat, trägt ein erhöhtes Risiko, später auch die jeweils andere zu entwickeln. Trinken zur Bewältigung negativer Gefühle gilt als starker Marker für gegenwärtige und künftige Alkoholprobleme. Eine längsschnittliche Analyse mit 14.665 Erwachsenen aus zwei Erhebungswellen fand einen wechselseitigen Zusammenhang zwischen stärkerer Trinkmenge und Angst, mit jeweils kleinen Effekten. Dieselbe Arbeit fand für die Häufigkeit des Konsums den umgekehrten Zusammenhang, häufiges Trinken in kleiner Menge ging mit geringerer späterer Angst einher. Menge und Häufigkeit sind hier also nicht dasselbe. Neurobiologische Arbeiten beschreiben den Mechanismus. Akuter Alkohol wirkt angstlösend, nach wiederholtem Konsum normalisiert sich das, und im Entzug entstehen angstartige Zustände.
Und was sie einschränkt
Ein Befund gehört dazu, auch wenn er in die andere Richtung zeigt. Eine internationale Untersuchung mit 3.201 Patient:innen aus 14 Ländern fand für leichten bis mäßigen Konsum eine niedrigere Neuerkrankungsrate an Depression und generalisierter Angststörung als für Abstinenz, für starken Konsum eine höhere Rate für Depression. Die Autor:innen betonen ausdrücklich, dass sich daraus in einer Beobachtungsstudie keine Ursache ableiten lässt. Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht trinkt, landet in der Abstinenzgruppe, und das verzerrt den Vergleich.
Worauf es dabei ankommt
Der Grund, warum dieser Eintrag nicht bei unklar steht, sondern bei überschätzt: Die kurzfristige Wirkung ist gut beschrieben, auch tierexperimentell auf molekularer Ebene. Als Maßnahme gegen Angst ist Alkohol trotzdem die schwächere Wahl gegenüber allem anderen in dieser Liste, weil er die Angst nicht verändert, sondern nur verschiebt, und weil die Toleranzentwicklung eingebaut ist.
Für wen eher nicht
Wer bemerkt, dass er vor angstbesetzten Situationen trinkt, hat kein Willensproblem, sondern ein bekanntes Warnzeichen. Das ist der Moment für ein Gespräch, nicht für Vorsätze.
Was es nicht ersetzt
Kein Ersatz für irgendeine Maßnahme aus dieser Liste. Alkohol dämpft die Angst, ohne die Erwartung zu verändern, die sie erzeugt.
Vorher klären
Bei regelmäßigem Konsum nicht abrupt absetzen, körperlicher Entzug kann gefährlich sein und gehört ärztlich begleitet. Sucht-und-Drogen-Hotline 01806 313031. Wenn die Angst mit Gedanken einhergeht, nicht mehr leben zu wollen: Telefonseelsorge 0800 1110111, rund um die Uhr und kostenfrei. Bei akuter Gefahr 112.
Quellen
Jede Quelle wurde vor der Veröffentlichung von einem Psychologen geprüft.
- 1. Anker J. et al. (2019). Co-Occurring Alcohol Use Disorder and Anxiety: Bridging Psychiatric, Psychological, and Neurobiological Perspectives. Alcohol Research: Current ReviewsÜbersichtsarbeit
- 2. D'Aquino S. et al. (2026). Bidirectional Longitudinal Correlations Between Alcohol Use Frequency and Quantity, and Anxiety in Adults. Substance Use & MisuseKohortenstudie · 14.665 Erwachsene
- 3. Bellos S. et al. (2016). Longitudinal association between different levels of alcohol consumption and a new onset of depression and generalized anxiety disorder: Results from an international study in primary care. Psychiatry ResearchKohortenstudie · 3.201 Teilnehmende, 14 Länder
- 4. Ngui H. H. L. et al. (2022). Alcohol Withdrawal and the Associated Mood Disorders — A Review. International Journal of Molecular SciencesÜbersichtsarbeit
Selbsthilfe ersetzt keine Behandlung und keine Diagnose. Was hier steht, ist keine Empfehlung für deinen Fall, sondern eine Zusammenfassung von Forschung.
Wenn es akut ist: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenfrei. In Lebensgefahr die 112.
